Berliner Zeitung, Samstag, 23. November 2002

 

"läuft bergauf wie andere runter"

Nach der Wende wollte niemand den Motorradhersteller MZ kaufen. In diesem Jahr schaffte er den Sprung in die Spitzenklasse

Peter Kirnich

ZSCHOPAU, 22. November. "Nein, ich will nicht in den Osten gehen!" Wenn Petr-Karel Korous, 46, sich etwas in den Kopf setzt, bringt man ihn kaum davon wieder ab. Dabei gab es für seine Zunft nach der deutschen Einheit verlockende Angebote in Ostdeutschland. "Zu viele", sagt Korous, der damals in Nürnberg als Unternehmensberater arbeitete. "Was sollte ich im Osten?" Es gab doch längst genug Berater aus dem Westen dort - "egal, ob sie was konnten, oder nicht!"

Korous ist dennoch gegangen. Ende 1991 war das: Der einzige ostdeutsche Motorradhersteller MZ im sächsischen Zschopau sollte unwiderruflich geschlossen werden. Doch den damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf imponierte das Engagement der Belegschaft so, dass er sich bei der Treuhand für eine Galgenfrist einsetzte. So schlug Korous’ Stunde. Der Nürnberger wurde bei der Sanierung um Mithilfe gebeten. Vielleicht war ja noch was zu retten.

Herr Suzuki winkte ab

Korous nahm damals nur widerwillig an. Trabant, Wartburg, Barkas, MZ - die ostdeutsche Fahrzeugindustrie hatte wahrlich keinen guten Ruf. Niemand wollte die Betriebe kaufen. "Bei MZ war sogar Herr Suzuki persönlich durchgegangen - und hatte dankend abgelehnt", erinnert sich Korous.

Nach einem halben Jahr lag das Überlebenskonzept vor. Doch es gab ein Handicap: Der Markenname war inzwischen verloren gegangen. Der Ex-Direktor hatte ihn nebst Produktionsanlagen einfach an eine türkische Firma verscherbelt. So musste MZ als MuZ starten: Motorrad- und Zweiradwerk. Die nächste Panne folgte bald. Eine Investorengruppe, an der sich MZ-Importeure aus ganz Europa beteiligten, kaufte das Werk zwar, doch schon wenige Wochen später liefen die Mitglieder wieder auseinander. Schließlich musste Korous als Geschäftsführer einspringen - oder der ganze Laden wäre aufgeflogen.

Aus dem Überlebenskonzept wurde quasi ein Neuanfang. Gerade mal für knapp 50 Mitarbeiter hatte Korous noch Arbeit. Zu DDR-Zeiten bauten 3 000 Mitarbeiter 80 000 Motorräder jährlich. Ende 1991 waren immerhin noch 750 Beschäftigte im Werk. Die, die gehen mussten, waren bitter enttäuscht. Denen, die blieben, sagte Korous: "Glaubt nicht, dass Ihr besser als die anderen seid, seht es vielmehr als Verpflichtung, dass wir viele von den anderen wieder einstellen können."

Der gebürtige Tscheche war mit 13 Jahren in die Bundesrepublik übergesiedelt. Sein Vater gehörte zu den Anführern des später niedergeschlagenen Prager Frühlings. In Westdeutschland studierte Korous Betriebswirtschaft. Ein Motorrad-Fan war er zwar schon als Jugendlicher, doch dass er selbst einmal welche bauen sollte, "das hätte ich nie im Leben erwartet". Dennoch war er überzeugt davon, dass MZ eine Chance hat. "Die Mitarbeiter sind mit so viel Herzblut bei der Sache und verstehen ihr Fach blendend", sagt der MZ-Chef. "Denen kann man ein Stück Blech geben, und die machen selbst daraus noch ein Motorrad."

Im September 1992 standen auf der Motorradmesse Köln bereits drei neue MZ-Modelle. Im November verblüffte Korous auf der British Motorbike Show mit der neuen Skorpion dann auch die internationale Fachgemeinde. Die neue MZ mit japanischem Yamaha-Motor heimste mehrere Design-Preise ein. Doch gab es ein Problem: Nur wenige wollten sie kaufen. Zwar erwarb die sächsische Polizei Maschinen, doch auch das reichte nicht. Die Investitionen in weitere Modelle und der Bau einer neuen Fabrik zehrten an den Finanzen. Für Korous war bald klar, dass er einen finanzkräftigen Investor benötigt. Er fand ihn in dem malaysischen Mischkonzern Hong Leong. Das Unternehmen mit jährlichen Milliarden-Umsätzen wurde über britische Zeitungsartikel auf MZ aufmerksam. "Hong Leong baut bereits seit vielen Jahren in Lizenz-Produktion Yamaha-Kräder, war aber an einer eigenen bekannten Motorradmarke interessiert", sagt Korous. Neben der Finanzkraft bot der Konzern zusätzliche Vermarktungschancen: "Jährlich werden weltweit 28 Millionen bis 30 Millionen Motorräder verkauft, allein 25 Millionen davon in Asien", sagt Korous. Da war ein Investor aus dem fernen Osten nur recht.

Der Deal wäre beinahe geplatzt. Der Einstieg der Malaysier verzögerte sich erheblich, weil die EU-Kommission in Brüssel die Zustimmung ewig hinauszögerte. Auch das hatte seinen Hintergrund: Ende 1995, waren die EU, Volkswagen und das Land Sachsen wegen der Subventionen für das VW-Werk Mosel heftig in Streit geraten. Also, so glaubt man in Zschopau, habe Brüssel MZ erst einmal zappeln lassen. Das hätte beinahe fatale Folgen gehabt: Denn kurz darauf war das Werk zahlungsunfähig und musste Konkurs anmelden. In jener Zeit passierte etwas, was Korous heute ein "Schlüsselerlebnis" nennt: An einem Freitagabend, wenige Tage vor Weihnachten, wurde der MZ-Chef ins Bundeskanzleramt eingeladen. "Ich sollte über die kritische Lage im Werk informieren", sagt Korous. Am Sonnabend berichtete er dem sächsischen Wirtschaftsminister. Am Montag fuhr ein Geldwagen der MZ-Hausbank im Werk vor und zahlte das noch offene Dezember-Gehalt an die Mitarbeiter aus. Zudem erhielt MZ einen Überbrückungskredit. Der Vertrag mit Hong Leong wurde schließlich unterschrieben. Kurz darauf erstritt sich das Werk den Markennamen MZ zurück. Korous war bis vor den Europäischen Gerichtshof gegangen. Nunmehr machten die Zschopauer wieder mit neuen Motorrädern von sich Reden. Das Werk entwickelte erstmals wieder eine 125er MZ komplett allein. Mit der Maschine brachte es MZ in der Hubraumklasse in Ostdeutschland zum Marktführer und bundesweit auf Platz drei hinter Honda und Yamaha. Zahlreiche Landespolizeiämter in den neuen und alten Bundesländern fahren mittlerweile MZ-Maschinen. Als Korous einmal eines der Kräder Probe fuhr, schalteten Mitarbeiter heimlich die Warnanlage "Bitte folgen" an. Bald hatte Korous mehrere Pkw in seinem Schlepptau, die ihm beim nächsten Halt ungläubig fragten, was er denn von ihnen wolle.

Demnächst kommt eine 1 000er Maschine auf den Markt, ebenfalls komplett neu entwickelt. Mit dem kleinen Elektro-Roller Charly hat MZ "halb Florida erobert", nachdem MZ dort zuvor mit einer anderen Maschine ein internationales Prototyp-Rennen gewann. Den Sieg feierte die Mannschaft mit heimlich abgefülltem Erzgebirgskräuterlikör in Ölbüchsen. Die Einheimischen staunten: "Erst siegen die Deutschen, und dann saufen sie auch noch Castrol ."

"In diesem Jahr werden wir mit dem Verkauf von rund 25 000 Maschinen erstmals schwarze Zahlen schreiben", sagt Korous. Im kommenden Jahr soll es ein "deutlicher Gewinn werden", bei einer Stückzahl "von mindestens 30 000 Krädern". Jedes Jahr werde ein neues Motorrad entwickelt. Korous ist längst im Erzgebirge heimisch geworden. Die Menschen sind ihm dankbar. Ein bekannter Rennfahrer hatte sich kürzlich sogar persönlich bei Korous dafür bedankt, dass er MZ gerettet habe.

Die Motorrad-Philosophen haben MZ unterschiedlich interpretiert: Bösen Zungen sagten, MZ stehe für Murks aus Zschopau, die Einheimischen sagen, das bedeute Mut und Zuversicht. Korous sagt, für MZ gilt, was man Anfang des 20. Jahrhunderts schon über den Vorgänger DKW sagte: "DKW, das kleine Wunder, läuft bergauf wie andere runter ."